Eine Schiebeleiter für eine Bibliothek
Schiebeleiter
Die Suche nach einer Schiebeleiter war schwieriger als erwartet. Im Englischen gibt es dafür den eindeutigen Begriff „rolling ladder“, und so ist es wenig erstaunlich, dass meine ersten Treffer für mögliche Bezugsquellen in den USA lagen. Bekannt (und berühmt) ist z.B. Putnam, eine Alternative ist Alaco. In Deutschland dagegen hatte ich grosse Mühe, da man bei uns unter einer „Schiebeleiter“ auch eine zweiteilige Leiter versteht („sliding ladder“), die man durch Verschieben des oberen Teils verlängern kann. Der französische Begriff „échelle coulissante“ ist ebenfalls zweideutig.
Fast hätte ich das Putnam-Modell genommen, konnte die Frachtfrage aber nicht zufriedenstellend lösen. Einen Selbstbau nach einer Anleitung aus dem Netz hatte ich ebenfalls in Erwägung gezogen und dann wieder verworfen, nachdem meine Frau Bedenken anmeldete und sich weigerte, auf eine von mir hergestellte Leiter zu steigen. So ruhte das Projekt mehrere Jahre, bis ich meine Leiter eher zufällig im Prospekt eines Herstellers edler Beschläge fand, dessen Name mir in einem Holzwerkerforum gegeben wurde, als ich eigentlich auf der Suche nach Griffen für meine Küche war (dazu hier mehr).
Die Schiebeleiter von Kirchner aus Edelstahl ist in vier Ausführungen erhältlich, mit Edelstahlsprossen oder eingeschweissten Haltern für Holzsprossen, jeweils mit oder ohne eine vertikale Verlängerung. Dazu passend gibt es eine Edelstahlschiene in beliebigen Längen, auf der die Leiter über kugelgelagerte Rollen leicht verschoben werden kann. Im Unterschied zu den Leitern von Putman, die auch am Boden mit Rollen erhältlich sind, muss die Leiter von Kirchner angehoben werden, um sie zu verschieben. Da dabei das meiste Gewicht trotzdem auf der Schiene lagert, ist das mühelos ohne Kraftaufwand machbar. Der Vorteil ist, dass die Leiter stabil steht.
Ich habe mich für meine Bibliothek für ein Modell mit vertikaler Verlängerung entschieden, da die Führungsschiene in 2.70m angebracht werden muss. Da ich befürchtete, dass die Edelstahlsprossen für einen längeren Aufenthalt auf der Leiter zu unbequem sein würden, habe ich die Variante mit Haltern für Holzsprossen gewählt. Die Firma Kirchner bietet fertige Stufen in mehreren Holzarten und Oberflächen an; da ich das gleiche Holz wie beim Parkettboden wollte (Eiche ungebeizt mit Klarlack), habe ich die Stufen selbst angefertigt.
Die Schiene
Beim Bau der Bibliothek kannte ich die Spezifikationen der Leiter noch nicht, und habe, um keinen Verschnitt der Regalböden aus Eiche zu haben, einen Sprossenabstand von 1m gewählt. Die technische Spezifikation für die Montage der Laufschiene erlaubt jedoch lediglich einen maximalen Abstand von 90cm. Ich habe daraufhin von der Idee, jeweils auf jede der 5 Sprossen einen Laufschienenhalter zu setzen, Abstand genommen.
Für die Montage der Halter auf dem horizontal verlaufenden Querträger in 2.70m Höhe wären 6 Halterungen spezifikationsgemäss ausreichend, allerdings wäre – bei identischem Abstand der Halterungen – die Position der Halterungen bezogen auf die Sprossen stark unterschiedlich. Ich habe mich aus ästhetischen Gründen daher für eine Befestigung mit 8 Halterungen entschieden, der optimale Abstand ist dann 50cm und ergibt sich aus der Distanz zwischen zwei Sprossen abzüglich der Sprossenbreite geteilt durch 4.
Die Halterungen werden mit Edelstahlschrauben mit M8-Gewinde befestigt, was so in Holz natürlich nicht geht. Für die Befestigung gibt es zwei Möglichkeiten – zum Einen Rampamuffen (Mitte/rechts im Bild), zum anderen Möbelschlösser. Rampamuffen sind Einschraubmuttern aus Metall, die ein metrisches Innengewinde für Metallschrauben haben, sowie ein Holzaussengewinde, mit dem sie in den Holzwerkstoff eingeschraubt werden. Diese Methode hätte ich bei der Montage in den Pfosten eingesetzt. Ich habe aus mehreren Gründen die Befestigung mit Möbelschlössern gewählt. Hierbei wird zunächst horizontal ein 8mm Loch gebohrt, und anschliessend vertikal ein 15mm Loch für den Einlass der zylinderförmigen Mutter.
Ich versprach mit von dieser Methode die Möglichkeit der Nachbesserung, sofern es mir nicht gelänge, die Abstände der Bohrungen exakt einzuhalten. Hier liegt die grösste Herausforderung bei der Montage dieser Laufscheine, da die Bohrungen für die Halterungen werksseitig vorgegeben sind und exakt so auf die Bibliothek übertragen werden müssen. Mein Gedanke war, im Falle eines Fehlers die Bohrungen geringfügig zu erweitern, was bei Rampamuffen nicht geht.
Es gab noch einen zweiten Grund für den Einsatz dieser Verbindung: Ich möchte mir die Möglichkeit offen halten, meine Bibliothek zu einem späteren Zeitpunkt mit einer Verkleidung zu versehen, die Sprossen und „crémailleres“ abdeckt, so wie auf dem Bild zu sehen. Dadurch würde die Laufschiene 21mm weiter von der tragenden Konstruktion entfernt montiert werden müssen. Meine Idee war hier, einfach entsprechend längere Schrauben zu nehmen, die zunächst weit über den Dübel hinaus eingeschraubt sein würden, und später entsprechend weiter rausgedreht würden. Ich habe deshalb 8cm lange Schrauben bestellt, obwohl normalerweise 6cm genügt hätten. Diese Idee hat sich im Nachhinein als falsch herausgestellt, da die gelieferten Schrauben kein durchgehendes Gewinde haben. Ich kann jedoch, sofern ich die Verkleidung noch vornehme, neue längere Schrauben nachbestellen.
Allerdings war ich jetzt gezwungen, die vertikale Bohrung für die Aufnahme des zylindrischen Dübels in grösserem Abstand von der Front vorzunehmen. Dadurch wirkt sich ein Winkelfehler in der horizontalen Bohrung (die ich mangels Werkzeug freihändig mit der Bohrmaschine vornehme) stärker aus, was mich später einiges an Zeit und Nerven gekostet hat. Besser wäre es gewesen, über diesen Punkt nicht nachzudenken, der Empfehlung des Herstellers einfach zu folgen, und später längere Schrauben nachzukaufen.
Damit horizontale und vertikale Bohrung sich an der richtigen Stelle kreuzen, habe ich mir eine kleine Schablone gebaut (Bild), mit deren Hilfe die beiden Bohrlöcher präzise markiert werden können. Das vertikale Loch wird mit einem Forstnerbohrer (Bormax 15mm) gebohrt, das horizontale mit einem Holzbohrer mit Zentrierspitze. Den richtigen Abstand zwischen zwei Halterungen hätte ich auch mit einer Schablone bestimmen können; es geht aber auch durch eine präzise Messung oder einfach mit der Schiene, die ja auch als Schablone dient. In diesem Sinne denke ich im Nachhinein, dass eine Befestigung mit Rampa-Muffen sogar einfacher gewesen wäre. Alle Nacharbeiten an meinen Bohrungen sind nämlich durch Winkelfehler beim Bohren der horizontalen Löcher, und nicht durch Fehler beim Einhalten des Abstands zwischen zwei Halterungen verursacht worden. Der erfahrene Schreiner lacht jetzt wahrscheinlich über mich.
Die Schiene selbst ist in Längen bis 3m lieferbar, darüber hinaus wird sie in mehreren Teilstücken geliefert, die über ein Verbindungselement unsichtbar und sicher miteinander verbunden werden. Zwei kleine Imbusschrauben fixieren das an beiden Enden konisch zulaufende Verbindungselement, das in Bohrungen eingelegt wird. Ich habe für die Montage der Schiene zwei Sonntag Nachmittage benötigt, wohl weil ich übervorsichtig vorgegangen bin und alles mehrfach ausgemessen habe, bevor ich gebohrt habe. Die Schiene ist extrem stabil montiert. Der Hersteller bietet für die Schiene auch Stopper an, die verhindern, dass die Leiter von der Schiene rutscht; darauf konnte ich verzichten, da bei mir an beiden Enden die baulichen Gegebenheiten ein Schieben über das Ende hinaus verhindern. Ich habe stattdessen einen seitlichen Überstand von etwa 5cm vorgesehen.
Leiterstufen
Für die Anfertigung der Stufen wurde mir vom Hersteller eine Konstruktionszeichnung gegeben: Die Stufen haben eine Breite von 400mm, sollten 30mm stark sein, und sind an beiden Seiten mit halbkreisförmigen Ausschnitten für die Sprossen zu versehen, die einen Durchmesser von 40mm haben und im Winkel von 10° - das ist der Anstellwinkel der Leiter – zu bohren oder fräsen sind. Die von Kirchner gelieferten Stufen haben eine Tiefe von 80mm; in einem Versuch fand meine Frau 90mm tiefe Stufen allerdings komfortabler. Ich benötige insgesamt 9 davon und habe mir überlegt, dass ich die Stufen am Einfachsten herstellen kann, indem ich zwei etwas über 2m lange Eichenbretter mit jeweils 6 Bohrungen versehe und dann jeweils in der Mitte der Bohrungen säge. Die Bohrungen sind mit einem Forstnerbohrer oder einer Lochsäge zu machen; ein Bohrständer ist Pflicht. Um den Winkel von 10° einzuhalten, habe ich mir eine Auflage für meinen Bohrständer gebaut, die zum Einen den Winkel vorgibt, zum anderen nach der Einrichtung den immer gleichen Querabstand der Bohrung sicherstellt (Bild). Da die Bohrung schräg verläuft, darf sie nicht exakt mittig angesetzt werden, sondern muss etwas versetzt werden (um atan(10°)/).
Bei der Ermittlung des Abstands der Bohrungen muss die Dicke des Sägeblatts mit berücksichtigt werden. In meinem Fall sind das 3mm, so dass beim Sägen an jeder Seite 1.5mm des kreisförmigen Ausschnitts verloren gehen. Die Stufen sind also im Abstand von 403mm zu bohren. Tatsächlich haben meine halbkreisförmigen Ausschnitte also nicht 180°, sonder nur etwa 172°. Sieht man aber nicht!
Wer schon einmal mit Forstnerbohrern gearbeitet hat, weiss dass die billigen Baumarktbohrer für Arbeiten in Hartholz eine verschwindend geringe Standzeit haben. Ich habe mir für die Anfertigung der Stufen einen Bormax 40mm besorgt, der die Operation problemlos überstanden hat. In Anbetracht der gewaltigen Menge Späne, die dabei entstanden sind, habe ich mich gefragt, ob eine Lochsäge nicht besser geeignet gewesen wäre. Ich denke allerdings, dass aufgrund der schrägen Bohrung nur eine sehr stabile Lochsäge in Frage gekommen wäre, da dabei zunächst nur ein Teil der Säge in das Material eintaucht. Mit dem massiven Forstnerbohrer ist das kein Problem.
Ich habe die Bohrungen mit einer handlichen 650W Bohrmaschine ausgeführt, die über den 43mm Kopf zum Einspannen in Bohrständer verfügt. Bei Arbeiten mit Forstnerbohrern grossen Durchmessers empfiehlt Famag eine Reduzierung der Drehzahl; eine Maschine mit elektronischer Regelung ist daher Pflicht. Meine Bohrmaschine ist bei der Arbeit doch recht heiss geworden, ich habe ihr daher für diese ungewöhnliche Aufgabe zwischen zwei Bohrungen Zeit zum Abkühlen gegeben. Ich besitze auch eine alte 700W-Oberfräse mit 43mm-Kopf, die für diese Aufgabe möglicherweise besser geeignet gewesen wäre.
Noch vor dem Sägen der Stufen habe ich mit einer Oberfräse eine 90°-Rundung mit einem Radius von 3mm (gemäss der Konstruktionszeichnung) angebracht. Die anderen drei Kanten werden nur mit Schleifpapier stumpf gerundet.
Nach dem Sägen (damit die Strichmarkierung sichtbar bleibt) werden die Stufen kurz mit 150er Papier geschliffen. Das geht mit dem Bandschleifer besonders schnell, aber jeder andere Schleifer tut’s auch. Das ist auch der richtige Zeitpunkt, die Breite der Stufen zu prüfen. Ganz geringe Unterschiede in der Grössenordnung eines halben mm sind nicht zu vermeiden; ich korrigiere sie, indem ich das kleinste Brett als Referenzbrett verwende und jeweils drei übereinander mit der Kappsäge auf die gleiche Länge bringe. Wer über eine Tischsäge verfügt, wird diesen Schritt nicht machen müssen.
Die Oberflächenbehandlung ist einfach: Die Stufen werden auf kleine Hilfsleisten gelegt und mit Klarlack an 5 von 6 Seiten behandelt, im nächsten Schritt bekommt dann die Unterseite einen Anstrich. Es ist sinnvoll, die Ränder der Unterseite abzukleben, damit keine Farbe, die zwangsläufig nach unten läuft, dort Spuren in Form von Tropfen hinterlässt. Nach diesem ersten Anstrich schleife ich mit feinem Papier (ich habe 500er für meinen Excenter genommen, schneller geht’s mit 360er) an und wiederhole den Anstrich. Ich erziele mit PU-Lack die besten Ergebnisse, meine Versuche mit Wasserlack von einigen Jahren waren wenig erfolgreich. Ich habe mir aber sagen lassen, dass man damit inzwischen ebenfalls gute Resultate erzielt. Ich nehme nach dem letzten Anstrich noch einen ganz kurzen Schliff mit 1200er Papier vor, um eventuelle Staubeinschlüsse zu entfernen, das gehört aber schon in die Kategorie „Oberflächenfetischismus“ und ist bei Leiterstufen eigentlich eher kontraproduktiv, da sie ja nicht rutschen sollen.
Damit ist die Geschichte fast zu Ende: Die Stufen müssen mit jeweils 4 Schrauben an der Leiter befestigt werden. Damit alle Stufen gleich und mittig montiert sind, habe ich auch dafür eine Schablone angefertigt, mit der ich die 4 Bohrlöcher markieren kann. Die Bohrungen habe ich der Einfachheit halber mit dem Bohrständer durchgeführt, das ginge aber auch freihändig. Ein Abstandshalter am Bohrer verhindert, dass ich eine Stufe ganz durchbohre. Ich befestige die Stufen schließlich mit 20mm langen 4mm-Schrauben mit Senkkopf.
Ich bin von dem Ergebnis sehr angetan. Die Kombination aus Edelstahl und Holz gefällt mir gut und fügt sich besser in meine Wohnung ein als die doch etwas rustikal wirkenden Vollholzmodelle. Das Material ist sehr hochwertig, aus dem Vollen gefräst, dezent angeschliffen und absolut perfekt verarbeitet, was man z.B. an Details wie den Laschen für die Auflage der Stufen sieht: Ansteht eine Lasche anzuschweissen, sind die Laschen in einen Schlitz passgenau eingelassen und anschliessend verschweisst. Ebenso perfekt ist z.B. auch der Übergang zwischen dem schrägen und dem vertikalen Teil der Leiter gearbeitet. Dass die Kugellager absolut leicht laufen erwähnte ich schon.
Bei der Dimensionierung der Leiter war mir der Vertrieb des Herstellers mit seinen Erfahrungen sehr hilfreich. Vor der Fertigungsfreigabe wurden mir Konstruktionszeichnungen mit Bemassungen geschickt, um Fehler auszuschließen. Die Leiter ist inzwischen im Einsatz und dient nicht nur zum Erreichen der Bücher, sondern auch zum Besteigen der Mezzanine. Der nächste Schritt ist ein zum Design des Laufschiene passendes Geländer für die Mezzanine.






